Interview mit Gil Ofarim

Herzlich willkommen Gil Ofarim von ACHT. Erzähl mal, wie kam es zur Bandgründung?

"Der Oswin ist Songwriter seit vielen Jahren und wir arbeiten auch schon ewig zusammen. Im Jahr 2008 hat er mich dann angerufen und gefragt, ob ich nicht was für ihn einsingen könnte, weil er 'so schwer erkältet ist'... das war sein Plan. Dann kam ich vorbei, habe diese zwei deutschen Songs, die er geschrieben hat, eingesungen, die er mit geschickt hatte und dachte 'Okay, nicht schlecht!' Ich hab dann schnell gecheckt worum's hier ging, das war sein Plan, von daher passt das schon. Also meinten wir zu Oswn 'Okay, lass und ne Band machen. Unter einer Vorraussetzung: du bist dabei - komplett!' Denn Oswin wollte eiigentlich nur mit mir was machen auf Deutsch aber nicht selber in der Band spielen. Tja, und zum Schluss musste er auch wieder an die Gitarre ran."


Wie kam es zum Bandnamen?

"Wir haben lange überlegt, was können wir machen, wie wollen wir heißen, welcher Name hebt sich ab vn all diesen anderen. ACHT war halt Zufall... Das ist a) eine Glückszahl und b) Hausnummer 8 in der wir die Songs vorproduziert oder geschrieben haben. Unser Bassist Konti wohnt in der Hausnummer 8, Oswin wohnt in der Hausnummer 8... Autobahn A8 Richtung Österreicht über Italien in den Urlaub oder zum Snowboarden. Die 8 war immer irgendwo mit dabei und wir fragten uns 'Gibt's eigentlich schon ne Band die ACHT heißt?' - die gab es noch nicht und das war's dann!"



Euer Debutalbum heißt "Stell Dir Vor". Wie dam es zu dem Albumtitel?

"Ich denke, jede Sache im Leben, die man macht, ob man nun nen Song schreibt oder irgendetwas kreatives unternimmt, muss man sich doch erstmal in seiner Fantasie etwas vorstellen. Man kann natürlich sagen 'Mal gucken was passiert, keine Ahnung!', das kannst du auch machen, aber du hast doch mehr oder weniger schon einen kleinen Plan im Kopf in welche Richtung es gehen könnte. Auch wenn du jemandem etwas von dir erzählst sagst du 'Stell dir vor, das war soundso...' Dieser Name hat einfach auch die Bedeutung 'grenz dich nicht ein und steck dich nicht selber in irgendwelche Schubladen'. Mach's einfach, stell's dir vor. Wenn du's dir vorstellst, egal wie verrückt es klingen sollte, Es ist gut, es wird funktionieren, glaub mir!"


Und wie sind die Texte entstanden? Gibt es da eventuell einen roten Faden, weil du das gerade mit der 8 angesprochen hast, die überall auftaucht?

"Wir haben noch ne Texterin mit im Boot, die Dani, eine großartige Textschreiberin und wir haben auch mehr oder weniger zu dritt das ganze Album erarbeitet. Uns ging es darum, anderen das zu sagen, was uns im Grunde auch passiert ist: Es ist egal wie alt du bist, wie groß oder klein oder wo du herkommst, stell dir einfach vor, in dieser Welt würde das alles nicht von Dringllichkeit sein. Irgendwelchen Normen zu entsprechen, in irgendwelche Schubladen rengeworfen zu werden, sondern stell dir einfach vor, das wäre alles nicht. Wenn du dir das vorstellst, dann passiert das auch! Ich stell mir einfach vor, es ist vollkommen egal ob ein Album fünf harte Songs hat oder fünf weiche oder Medium... Es muss nicht immer alles nur hart oder nur weich sen. Ich stell mir vor, in einer Band zu sein, wo nicht alle gleich groß sind, gleich alt oder den gleichen Background haben. Bei uns gibt es einen Altersunterschied von 15 Jahren zum Teil in der Band. Das ist aber völlig egal und ich stell mir einfach vor, dass das völlig unwichtig ist."


Welcher Song war euch am wichtigsten auf dem Album?

"Das kann man so gar nicht sagen, das wechselt sich ab. Ich hab z. B. vor eineinhalb Jahren eine Trennung in meinem Leben gehabt und dann hat sich der Song "Wo willst du hin" rauskristallisiert. Der Soundtrack meines Lebens oder meiner damalligen Zeit. 'Wo willst du hin wenn alles vorbei ist...". Dann gibt es auch Momente, wo ich merke, wie sich Leute wieder so wahnsinnig selber kastrieren oder zurücknehmen, anstatt sich einfach wieder hinzusetzen oder hinzustellen und zu sagen 'Hier bin ich und es ist egal wie ich aussehe oder wie groß oder klein ich bin. Ich würde gerne behandelt werden, wie ich jemanden auch behandele.' Mach dir keinen Stress, geh durchs Leben und sei wer, fühl dich gut in dir selber.


Wovon handelt der Song "Alles Gute"?

"Genau darum. Es handelt im Endeffekt davon, dass aus irgendwelchen Gründen Menschen sich zurücknehmen, nicht irgendwo anzuecken oder jemand auf den Schlips zu treten. Nicht immer nur schön brav sein, sondern sich auch trauen zu machen und wenn du dich traust, es wird gut sein! Keine Sorge. Oder wie im es im Text heißt "tanz mal ohne den Teufel, bleib deiner Arbeit mal treu, verlieb dich in deine Zweifel und lass jeden Schuldigen frei". Nicht denken, nicht Morgen, nicht gestern - einfach Sein. "


Zum Song "Still" gibt es auch einen Videoclip. Erzähle uns etwas über die Dreharbeiten!

"Bei der Band ACHT ist es so, dass wir auch unser eigenes Label sind. Wir haben unsere eigene Plattenfirma namens Neuzeitstürmer und finanzieren alles alleine. Von daher ist auch ein Videodreh wie zu "Still", es war schon ein sehr aufwändiger Dreh, trotzdem ist es dann nicht ganz so Hollywood-mäßig. Man dreht dann 2 - 3 Tage in so ener kalten, alten, verlassenen Bahnhofshalle und da gibt's dann keine LKW's mit Heizung, sondern es ist ein bisschen Mehr Rock'N'Roll. Aber es hat großen Spaß gemacht. Gedreht hat das der Gregow Wiebe, ein großartiger Regisseur. Er hat u. a. auch was für die Killerpilze gemacht."


Ihr wart jetzt gerade auf Tour. Wie hat euch die Tour gefallen und was habt ihr so erlebt?

"Wir haben großen, großen Spaß gehabt auf der Tour. Das größte, denke ich, war die Begeisterung der Leute. Ich meine, wir waren die Vorgruppe und oft sagen die Leute einfach Vorsuppe, damit irgendwas passiert bevor der Hauptact auf die Bühne geht. Das war einfach nicht der Fall, wir haben die Halle total gerockt. Wahnsinnig viele Leute sind dann zu unserem Merch-Stand und haben uns unsere CD's schon zum dritten Mal leergekauft.... wir mussten nachbestellen und wir haben grad ne verdammt große Fanbase angehäuft und da bin ich verdammt stolz drauf!! Ansonsten ist es im Tourbus sehr lustig, wenn fünf Männer auf engstem Raum zusammensitzen und nur Quatsch im Kopf haben, aber das sind Dinge, die sollte ich hier besser nicht sagen..."


Ihr habt ja auch wirklich richtig gute Kritiken bekommen!

"Der Wahnsinn!! Die Kritiken waren supergeil!!"


Welcher Gig hat dir am meisten Spaß gemacht oder ist dir noch am besten in Erinnerung?

"Kann ich nicht sagen, weil jeder Gig besonders war. Ich war z. B. total geflasht in Hamburg in den Docks zu spielen. Das war sooo geil, wunderschöne Halle direkt auf der Reeperbahn. Dann Columbia Club in Berlin, eine supergeile Gegend wo ich schon immer coole Konzerte gesehen habe. ."


Weißt du noch, welches Konzert das war?

"Ich bin mir grad nicht sicher ob es im Columbia Club oder im Huxley's war, aber ich habe dort ne Band namens Live gesehen. Ich glaub 1996 war das.... Dann, in Mannheim is ne schöne Halle, da durfte ich schon mal drin spielen im Vorprogramm von Nena. Das war 2003, als sie ihr Comeback. Dann natürllich München im Werk, das ist auch was ganz besonderes."


Gab es vielleicht irgendwelche nennenswerten, lustigen Pannen während eurer Show?

"Uns passieren immer irgendwelche Sachen. Gerade zu Beginn der Tour war unser Bassist der Ossi (Oswin) so krank, dass er kaum stehen konnte. Er ist gar nicht mir raufgefahren nach Hamburg sondern einen Tag drauf, am Tag des Konzerts, ist er eingeflogen - so richtig Rockstar mäßig. Vollgepumpt mit Medikamenten bis obenhin und er sagt jetzt, er kann sich an den Gig gar nicht erinnern. Er war einfach so zu, er kann sich nicht erinnern. Dann in Berlin ist mir gleich zu Beginn der Mikroständer durch die Mitte gebrochen und kein Stage Hand war da zu helfen. Die Gitarre is mir irgendwie kaputt gegangen, mein Sender vom In-Ear is in Arsch gegangen, also es war alles großartig. Aber nichtsdestotrotz es war immer en Erfolg und es kam super bei den Leuten an."


Bleibt bei dem Tourstress noch Zeit sich einzelne Städte anzusehen, wie z. B. bei dem Day Off in Leipzig?

"Ja Leipzig gestern, ich muss gestehen ich hab Leipzig noch nie so bewusst wahrgenommen und ich war auch noch nicht oft hier. Aber gestern durch die Innenstadt. Ey, ihr habt eine wunderschöne Stadt, hier ist es Wahnsinn! Die Gebäude, die ganzen restaurierten Altbauhäuser - das ist Wahnsinn! Ich sag immer München is so schön, weil's da ein paar alte Häuser gibt... aber lauf mal hier durch Leipzig, da kannste was erleben!"


Wie sieht bei euch der Touraltag aus?

"Undpannend, ziemlich unspannend! 9:30 Uhr Frühstück. Dann, abhängig ob wir schon in der jeweiligen Stadt sind, fährt man dann rüber oder man trifft sich um 16 Uhr in der Hotellobby und fahren dann zum Venue. Meistens ist dann um 17:30 Uhr Soundcheck und um 8 gehen wir auf die Bühne! ACHT geht um 8 auf die Bühne"


Seid ihr vor Auftritten aufgeregt?

"Diese gesunde Nervosität ist dabei, aber es gibt jetzt keinen, der vor Aufregung noch kotzen muss oder so. Es sei denn, er ist vollgepumpt mit Medikamenten und eh schlecht drauf, aber ansonsten passiert das nicht."


Gibt es Rituale vor einem Auftritt?

"Ähm, ja aber selbst die kann ich jetzt hier nicht so wiedergeben! Eigentlich nur Schweinereien und gegenseitig ärgern..."


Gibt es Reglen im Tourbus?

„Im Nightliner gibt es nur die eine Regel „Du darfst in nem Tourbus nicht kacken!". Vielleicht nicht unbedingt rauchen, denn wenn von fünf Leuten nur einer raucht, brauchste dir die Kippe nicht anzünden. Ansonsten gibt's da keine Regeln."


Wie war es für dich, zum ersten Mal auf deutsch zu singen? War das eine Umstellung?

„Es war schon eine Umstellung, aber es fühlte sich weder fremd an, noch komisch, noch irgendwas. All die Ängste und Gründe, die ich am Anfang hatte, warum ich nie auf deutsch gesungen habe, waren alle völlig sinnlos. Es fühlt sich gut an, es macht Spaß. Ich muss auch ganz ehrlich sagen, dass viele Leute, wir sind ja hier in Deutschland. Wenn du auf Festivals spielst... du kannst ja nicht davon ausgehen, dass sie deine Texte kennen oder wenn du englisch singst, zu 100 Prozent deine Texte verstehen. Und in deutsch merkst du richtig den Leuten an, dass sie konzentriert bei der Sache sind und dir auf die Lippen gucken was du da genau sagst. Am Ende der Show hast du dann sofort das Feedback. In Köln kam ne Frau auf mich zu und sagte: Sie war so gerührt von den Texten und sie hatte bis vor ein paar Jahren einen Bruder, der war auch Musiker und er hatte mit ihr öfters über die Texte gesprochen die wir singen. Dann stehst du erstmal da und bist baff, weil sowas erwartest du nicht und du hast halt sofort ein Feedback, was ich früher nie hatte."


Manche singen auch auf englisch, weil sie meinen damit international durchstarten zu können. Aber wie man bei Rammstein sieht, muss das ja ncht unbedingt sein.

„Ich finde, es gibt nichts, was es nicht gibt und jedem das seine. Wenn du deutsch singen willst, sing halt deutsch, gleiches gillt für englisch. Ich persönlich hab nur n Problem damit, wenn mir jemand auf englisch was vorsingt und mir seine innersten und tiefsten Gefühle erklärt, aber im Endeffekt is sein Englisch scheiße! Das is weder glaubwürdig noch irgendwas. Ich glaub du möchtest cool sein, wie die Bands die du in deiner Jugend gehört hast, aber du bist grad nicht cool. Schuster bleib bei deinen Leisten und probier's mal n deiner Muttersprache, vielleicht ist es dann besser. Wenn du einfach dein Leben lebst und machst, dann erübrigt sich der ganze Ego-Scheiß von alleine!"


Wie ist das auf Tour mit anderen Bands zu sein? Sieht man sich da backstage und verbringt vielleicht Zeit oder macht jeder seine Sache?

„Es gibt Bands, da freut man sich tierisch die zu sehen und es gibt solche, die machen tierisch einen auf Hollywoodstar, dass ich gar nicht ein Wort mit denen wechseln will. Manche nehmen sich einfach zu wichtig, aber dann erübrigt sich dass auch schnell."


Wenn du nochmal die Zeit zurückdrehen könntest und nochmal von vorne anfangen könntest, würdest du was anders machen??

„Ich glaub ich hätte bei meiner Ex-Freundin was anders gemacht, aber musikalisch nichts. Ich bin heute ein ganz, ganz glücklicher Mensch und da gehört alles dazu. Alle richtigen und falschen Entscheidungen, es gibt nämlich kein richtig und kein falsch. Es gibt da einen Spruch, den hab ich letztens gehört und kannte ihn vorher nicht: „Das Leben ist wie zeichnen, nur ohne Radiergummi". Wenn ich da jetzt was ändern oder ausradieren würde, wäre ich nicht heute da wo ich bin und ich bin wirklich glücklich. Musikalisch ist das für mich die Erfüllung und das kann man mir jeden Abend auf der Tour ansehen!"


Hast du mal Ratschläge von deinem Vater erhalten?

„Früher als ich angefangen habe schon, aber mittlerweile macht jeder seine eigenen Sachen. Man tauscht sich schon aus über Musik, das ist klar. Wir sehen uns aber nicht so oft und reden dann selten über Musik sondern über völlig banale andere Dinge, wie Fußball oder Frauen, halt die besten Themen die es so gibt."


Kannst du die Liebe zur Rockmusik erklären? Was gefällt dir besonders gut daran?

„Ich könnte dir jetzt nicht sagen, warum Rock besser sein sollte als alles andere, mich bewegt es einfach am allermeisten. Diesen ganzen Ego Bullshit 'Es hat so zu sein, es muss die Band sein', gibt's bei mir alles nicht mehr. Ich selber höre auch gerne R'n'B, Jazz und Soul, da gibt's großartige Künstler. Singer/Songwriter Acoustig Sachen... ich hör mittlerweile wirklich alles. Rockmusik ist nur einfach so, dass ich das viel in der Pubertät gehört habe. Bands wie Soundgarden, Pearl Jam, Nirvana oder Alice In Chains. All die Bands waren zu der Zeit gerade an der Oberfläche. Mit der Musik hab ich mich am meisten identifiziert und das bekommst du nicht mehr aus dem System raus." (schmunzelt)


Wo du grad Nirvana angesprochen hast. Deine Bühnenpräsenz erinnert mich schtark an Kurt Cobain!

„Also ich versuche ihn nicht zu kopieren, aber das haben mir schon ein paar Leute gesagt. Nur aus zwei Gründen: Wir haben so'n bisschen die ähnliche Frisur und ich bin Linkshänder. Aber ansonsten weiß ich auch nicht. Ich glaube Kurt Cobain war meistens so zugedröhnt, der hat sich bestimmt nicht ansatzweise soviel auf der Bühne bewegt sie ich."


Gibt es ne Platte, die euch durch die Jugend begleitet hat?

„'Ten' von Pearl Jam war sehr, sehr wichtig. 'Super Unknown' von Soundgarden, 'Nevermind' von Nirvana, das 'Black Album' von Metallica. Eine dänische Band namens Dizzy Mizz Lizzy, die liebe ich sehr und.. ja das war's."


Von den doch härteren Songs mit deiner vorherigen Band ZOO ARMY zu den deutschsprachigen softeren Songs von ACHT. Warum dieser Stilwechsel?

„In der letzten Zeit bei ZOO ARMY, bis wir die Pause eingelegt haben, hab ich festgestellt, dass wir uns nur in eine Richtung bewegen und zwar noch schneller, noch härter und noch krummere Sachen zu spielen. Also fast schon mathematischen Metal zu machen. Das is zwar alles toll und geil, aber es ist als würdest du jeden Tag McDonald's fressen! Künstlerisch wird mir da auch schnell langweilig und das ist für mich das tolle bei ACHT, dass ich so die Erfüllung gefunden habe. Wenn ich bock auf ne tiefgestimmte Gitarre habe, dann mach ich das, aber denke nicht gleich an das Klischee 'Wird es das Publikum annehmen? Komm ich damit in die Metal Magazine oder hab ich Lust auf ne Ballade?'... Dann mach ich das halt enfach! Wenn es zwei kontroverse Songs gibt, pack ich sie trotzdem auf die Platte und das hab ich mit ACHT gemacht, mir is mit ACHT nie langweilig! Denn ich stell's mir einfach vor.. 'Stell dir vor'."


Natürllich kennt man dich ja noch aus der Teenie Zeit mit der „Bravo". Wie fandest du die Zeit damals und jetzt wenn du zurückblickst?

„ich glaub da gibt es drei Teile: Anfangs war es völliger Wahnsinn als 14-jähriger mit 2 ½ Haare am Sack und die Mädels himmeln dich an... das war gigantisch! Dann gab's die Zeit wo ich wegwollte von dem Teenie Ding, wollte ernst genommen werden als erwachsener Künstler, aber das kannst du nicht werden, wenn du es nur beschlossen hast, dass du es jetzt bist. Sondern du musst es auch leben und erlebt haben und erwachsen werden. Da wollte ich mit der Vergangenheit als Teenie Star nichts zu tun haben, was völlig bescheuert war. Heute sehe ich das wieder wie das Gemälde mit dem Radiergummi. Ohne das eine wäre ich heute nicht der, der ich heute bin. Ich bin schon verdammt stolz, denn welcher 14-jährige kann schon sagen, dass er bei 'Wetten, daß..?' war, dass er die Welt bereist hat... und in seiner Teenagerzeit von 14 bis 18 quer durch die Welt gereist ist."


Du bist ja nebenbei auch noch als Schauspieler tätig. Wie ist es im Vergleich der beiden kreativen Berufe. Als Schauspieler vor der Kamera zu stehen und als Musiker das direkte Feedback zu bekommen?

„Ich fnde, nicht automatisch, nur weil du Musiker bist, hast du ein Talent für die Schauspielerei. Aber wenn du Bühnenerfahrung als Musiker hast und weißt wie du die Menschen begeistern kannst, und es eventuell schon ein paarmal gemacht hast, hast du vielleicht ne Gabe es auch als Schauspieler zu machen. Denn du weißt dann, wie du dich zu bewegen hast. Ich bin da total naiv an die Sache rangegangen. Ich wurde von meinem ersten Produzenten angerufen und gefragt, ob ich mir en Casting vorstellen könnte zu machen, was ich dann auch gemacht habe. Dann haben wir den Film gedreht, mit den anderen Schauspielern und hatten ne Superquote. Leider geht es nicht darum, ob der Film toll geworden ist, sondern ob der Film Quote hat. Ich finde der Film war süß, aber hatte auch ne Megaquote von daher hat alles gepasst. Und dann kam 'Die Sturmflut', der teuerste deutsche Fernsehfilm aller Zeiten! Auch da bin ich reingerutscht und bin froh, dass ich ne Hauptrolle hatte neben all diesen Größen wie Götz George, Benno Führmann, Nadja Uhl.. es is was anderes, aber ich finde, es hat was mit Künstler sein zu tun! Du kannst Emotionen und dein Innerstes gut in beiden Formen rauslassen."


Vermisst du die großen Bühnen?

„Nein! Ich gebe zu, wenn ich zu Hause sitze und länger keine Show gespielt habe, werde ich ein bisschen hibbelig. Aber mich flasht es immer, egal ob ich in nem kleinen Club spiele mit ZOO ARMY vor 50 Leuten oder als Vorprogramm von Bon Jovi das Münchner Olympiastadion rocke... Das sind alles Bühnen. Es sei denn du machst es wegen dem Geld, aber dann müsste ich mir dringend was anderes suchen, denn damit kannst du nicht wirklich Geld verdienen. Es sei denn, du verkaufst megaviele Platten. Aber wenn das deine Beweggründe sind, muss ich dir sagen 'Such dir was anderes!'. Ich mach es der Musik und der Kunst wegen, und wenn du es auch so machst, wird es dir nie an irgendwas mangeln, mach das was du für dein jetziges Bewusstsein brauchst. Lebe, mach das was du denkst, versuch gegenwärtig zu sein und dann passt das auch!"


Kannst du dich an dein erstes Konzert erinnern?

„Leicht, denn es gibt ein Video und es war eigentlich auch kein Konzert. Ich war gerade mal drei oder vier Jahre und es war so ne bescheuerte Promi-Drecks-Gala in München. Ich war so als kleiner Steppke dabei mit meinen Eltern und wollte unbedingt ans Schlagzeug! Die ganzen Promis waren dann also am essen und der kleine Gil wollte jetzt ans Schlagzeug. Und wenn ich nicht bekommen habe, was ich wollte konnte ich kreischen und schreien bis alles auseinanderfällt.... So, und was is passiert? Alle waren am essen aber keiner hat nen Bissen runterbekommen, weil der kleine dreijährige Schlagzeug gespielt hat, dass alles gewackelt hat! Das war mein erstes Konzert."


Du kommst ja aus München. Wo könnte man dich in München antreffen? Was gefällt dir an München?

„Ich liebe die Stadt, ich liebe den Englischen Garten. Das ist wie ein großer Park, denn eigentllich ist München um den Englischen Garten herumgebaut. Ich bin gern an der Isar, oder im Cafè unseres Bassisten, der hat ein eigenes Cafè. Wenn's regnet bin ich zu Hause.."


Gil, stell dir mal vor, du würdest blind oder sehbehindert sein. Wie wäre das für dich, wie stellst du dir das vor?

„Ich kann's mir, glaube ich, gar nicht vorstellen. Ich bewundere Menschen, die trotzdem ihren Alltag meistern, die sehbehindert oder erblindet sind und nichts sehen. Aber vielleicht etwas erahnen können, wenn es mal hell ist. Lustig dass du das erwähnst, denn erst vor ein paar Wochen ist ein Blinder mit dem Blindenstock an mir vorbeigelaufen. Ich dachte nur.. 'Wow!' - aber nicht im Sinne von Mitleid. 'Weißte was Junge? DAS sind echte Probleme!' Denn ich kann mir vorstellen, für einen blinden is das kein Problem sondern der völlig normale Alltag. Keiner möchte Mitleid und ich hatte einfach nur Respekt! Du siehst nichts, aber gehst auf offener Straße, wo sogar manchmal sehende Menschen einfach zu blöd sind über die Ampel zu gehen oder abzubiegen und der Mann der lief einfach durch die Straßen und kam komplett zurecht. Der wusste wo die Ampel ist und hat alles ertastet mit seinem Stock und ich dachte nur 'Wahnsinn!'."


Stell dir vor, es gibt ein Leben nach dem Tod. Als was würdest du wiedergeboren werden??

„Ich weiß es nicht. Ich denke auch gar nicht so weit voraus. Ich habe letztes Jahr gelernt im hier und jetzt zu sein. Mit diesen 'was wäre, wenn' Gedanken verschwendet man seine Gegenwart um nur an die Zukunft zu denken. Wenn du an dein Jetzt denkst, wird die Zukunft in Ordnung sein, aber umgekehrt wird nichts draus, weil du an die Zukunft denkst und das Jetzt einfach verpennt hast."


Stell dir aber vor, du würdest im nächsten Leben ein Tier sein. Was würdest du sein?

„Ich glaub ich wäre ein Vogel! Wegen der Freiheit!"


Bist du gläubig? Glaubst du an Gott?

„Interessante Frage! Ich bin in letzter Zeit sehr nachdenklich mit Gott und Religion. Ich halte nichts von diesen großen Weltreligionen die wir hier haben. Ich bin geboren als Jude und stehe dem nah, aber bin nicht wirklich gläubig. Es gibt Bräuche im Judentum, dem Islam oder im Christentum, die sind schön, wenn man mit der Familie zusammenkommt, aber zu leben wie es irgendwelche Typen vor ein paar Tausend Jahren zu Papier gebracht haben, das fällt mir einfach schwer. Ich glaube an das Jetzt, an 'Liebe deinen nächsten', aber nicht daran, was mir die Kirche versucht aufzuschwatzen! Ein Politiker meinte vor kurzem mal 'Ich finde Gott gut, aber habe ein riesiges Problem mit seinem Bodenpersonal!' und dem kann ich mich nur anschließen."


Wie ist das mit den ganzen Rock N Roll Klischees? Die meisten Leute Sehen ja immer nur das positive.

„Ja die sehen das als riesige Party! Aber das ist es nicht, es gibt immer einen Kater danach. Manchmal is es nur ein Mietzekätzchen, manchmal ein fetter Kater. Aber wenn du das, wie vorhin schon gesagt, aus finanziellen Gründen machst, dann bist du echt falsch abgebogen! Künstler sein heißt, die meiste Zeit hart arbeiten, an dir hart arbeiten! Ja und mal hast du nichts und wenn du Glück hast, mal hast du verdammt viel Geld. Das kann aber auch schnell wieder weg sein. Aber es sollten nicht die Beweggründe sein. Bei uns ist es gerade so, wir Wir machen alles komplett selber: eigene Plattenfirma, Produzenten, Marketingabteilung, die eigene Radioabteilung... Fernsehabteilung, Verleger, Management... Busfahrer, Tontechniker. Wenn du dann danach noch Kraft hast um zu feiern oder Lust auf n Bier – Respekt, dann mach das! Du weißt aber auch, Morgen ist wieder ein Tag, du musst früh raus zum Frühstück, sonst ist das Buffet weg. Es gibt wenig zu essen tagsüber ausser Tankstellenfutter, was teuer ist. Soundcheck, aufbauen, abbauen, einpacken, Autogrammstunde, T-Shirts und CD's verkaufen, das ist dein tägllich Brot. Dann wieder nach Hause fahren, duschen, mittlerweile ist es 2 Uhr morgens. Am nächsten Tag das gleiche. Man muss schon Idealist sein und die Musik lieben. Die halbe stunde auf der Support Tour gibt mir soviel, da können die restlichen 23 ½ Stunden noch so stressig sein, diese 30min gehören ganz allen meiner Band und mir."


Welchen Ratschlag würdest du jungen Bands geben, die noch nicht soviel Erfolg haben, um Fuß zu fassen im Musikbusiness?

„Überleg dir das gut! Überlegt euch das sehr gut da draußen! Wenn ja, dann macht euch auf ne Achterbahnfahrt gefasst im Leben, denn es geht nur rauf und runter und es wird dir nie langweilig.


Was ist die Marketingstrategie der Zukunft?

„Das brauchst du gar nicht auf die Musik zu begrenzen. Ich denke, das was sich am meisten durchsetzen wird ist Ehrllichkeit! Ehrlich sein, ohne irgendwelche Klischees und Lügen oder Egos. Sei ehrlich zu dir selber, sag 'Ich bin wer!' und wenn du das machst bist du ganz weit vorne und dann wird alles so passieren wie es passieren soll!"


Wenn man authentisch ist, wird es immer Leute geben die mitziehen, oder?

„Das beste Beispiel war die Show in Berlin, da waren sehr viele ACHT Fans dabei und Fans die mich begleiten, bei den Bands, bei denen ich vorher gespielt habe. Aber auch sehr viele neue Leute, die total geflasht waren, ich meine, Wahnsinn, was in der Halle los war. Und das meine ich, du kannst die Leute nicht mit Bullshit locken. Wir sind Gott sei Dank in enem Zeitalter, wo die Leute ein gewissen Bewusstsein haben, wo die sich sowas wie Playback nicht mehr gefallen lassen. Alleine das Gefühl, dass Leute wissen, wann sie verarscht werden und das nehmen sie Gott sei Dank nicht mehr so hin! Man merkt enfach, da sind vier Typen die leben das gerade und haben Spaß auf der Bühne. Dann gibt es wiederum andere, da merkst du förmlich, die gucken quasi auf die Uhr 'Wann is der Scheiß zu Ende? Wann kann ich wieder backstage, ne Tussi anbaggern? Oder das Fußballspiel gucken?' Die Leute merken das sofort, aber wenn du bei der Sache bist mit Leib und Seele, wird das auch Bestand haben."


Gibt es ein Buch, was du empfehlen könntest?

„Meine zwei Lieblingsbücher, fast scho Bibeln für mich, sind 'Jetzt' und 'Eine neue Erde' von Eckhart Tolle. Für mich ist der Kerl ein Neuzeitstürmer, wie unsere Plattenfirma. Das ist ein Typ, der hat die Dinge erkannt. Jeder Mensch hat ein Ego, etwas dass in dir schreit und er lässt das was uns im Weg steht einfach weg. Er hat sich jahrelang zurückgezogen und gewisse Dinge analysiert, warum es so ist.. warum will das dein Ego. Da gibt es in jedem Kapitel zwei bis drei Dinge, wo er sagt 'Probiere doch einfach mal, das so zu machen!' oder 'Lass das doch einfach mal weg!'. Das hab ich dann auch gemacht und seit dem geht's mir großartig und ich fühle mich echt wohl! Das ist keine Sekte, oder ein Buch wo man am Ende liest 'Es wäre toll, wenn du Geld spendest!' - nein, er gibt einfach Ratschläge. Diese kannst du probieren oder auch nicht. Ganz wie du willst. Ich mache das und es geht mir gut. Ist nicht so, als würdest du es einmal lesen und du hast es kapiert, nein, das ist wie in nem Fitness Center. Du kannst noch so viel Theorie gelernt haben, du musst deinen Arsch schon hochkriegen, an die Geräte ran oder joggen gehen!"


Was war der schönste und was der traurigste Moment in deinem Leben?

„Wow... das ist mal.... mit der Tür ins Haus..! Ich würde es ungern auf nur einen begrenzen. Jeder Tag hat nen schönen Moment, oder sogar mehrere. Wenn du die typischen Klischeedinge durchgehst, mit Sicherheit der Tag an dem meine Nichte geboren wurde. Erfolge als Künstler oder Musiker, waren tolle Tage in meinem Leben. Traurige Momente waren natürlich die Trennung von meiner Ex-Freundin, oder als meine Großmutter gestorben ist. Ich bin nicht jemand, der in seinem geistigen Backkatalog lebt und daran denkt, ich versuche immer gegenwärtig zu sein. Mit euch ne coole Zeit zu haben, solange wir das Interview haben... anstatt daran zu denken was war, oder was noch kommt, wann ich auf die Bühne muss und was ich jetzt gerade verpasse. Jetzt ist cool, ich sitze hier mit euch und hab ein cooles Interview!"


Du hast es grad schon angesprochen. Dein Bruder Tal is Vater geworden. Was macht der eigentllich zurzeit gerade?

„Tal ist gerade musikalisch unterwegs in einer Band, die spielen hauptsächlich in Bayern auf Partys und Veranstaltungen. Dem geht's gut, der ist jetzt verlobt und heiratet, glaube ich, im Laufe des Jahres. Er ist genauso wie ich Musiker und denkt nicht, sondern macht einfach!"


Rauchst du oder trinkst du Alkohol?

„Ich habe jetzt 7 Monate nicht geraucht und keinen Tropfen Alkohol getrunken oder eine Zigarette geraucht! Ich hab mir jetzt auf dieser Tour wieder Feierabendbierchen gegönnt. Am Anfang war das schwierig, aber du kannst nicht von einem Extrem ins nächste Extrem gehen. Ich möchte auch kein Heiliger werden, um Gottes Willen nicht. Ich trinke gelegentlich n Bierchen oder einen Wein und hab gestern ne Zigarette geraucht. Aber ich hab sie ehr wie ne Zigarre gepafft... Ich könnte mir auch gar nicht mehr vorstellen so ein richtig harter Raucher zu werden, mit 2 ½ Schachteln am Tag."


Wie stehst du zu Piercings oder Tatoos?

„Meine Piercings, sofern es überhaupt welche sind, beschränken sich auf die Ohrringe die ich habe. Ein Tatoo habe ich keines, aber spiele schon sehr lange mit dem Gedanken. Aber ich kann mich nicht entscheiden.."


Dann bedanken wir uns recht herzlich für das Interview, vielen Dank Gil Ofarim für deine Zeit und viel Erfolg für die weitere Zukunft. Stellt euch vor was immer ihr wollt und es wird in Erfüllung gehen! Das haben wir ja jetzt gelernt!

21.8.11 20:22

Letzte Einträge: Ted, The Tourist, The House of the Devil , Auge um Auge, Sieben Jahre in Tibet, Code 46

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL